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DELPHI - Der Nabel der Welt und sein Umkreis - UNESCO

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2016-08-15 2023-08-27 15.08.2016
Delphi 0011
Delphi

Das Dorf Delphi, der „Nabel“ seiner interessanten Umgebung. Eine überaus reizvolle Landschaft, gut erhaltene byzantinische Kirchen und Klöster, idyllische Hafenorte und wenig besuchte, aber bedeutende archäologische Stätten liegen nur wenige Kilometer entfernt von Delphi. Durch seine hervorragende Infrastruktur eignet sich das Dorf ideal als Ausgangspunkt für Exkursionen in seine Umgebung, in den „Umkreis des Nabels“.

Das moderne Delphi
Heute ist Delphi eine der berühmtesten und, mit 500.000 Besuchern jährlich, eine der meistfrequentierten archäologischen Ausgrabungsstätten Griechenlands. Die meisten kommen, besichtigen die antiken Plätze und das Museum und fahren weiter, nach höchstens einer Übernachtung. Das Dorf Delphi ist für die meisten nur eine kurze Durchgangsstation.
Der Ort Delphi war sowohl in der Antike als auch heute nie mehr als ein kleines Bergdorf und zählt momentan etwa 1300 Einwohner. Das Verblüffende ist das Weltstadtflair, das es trotz seiner Kleinheit und seiner abgeschiedenen Lage in 550 m Höhe ausstrahlt. Die stattliche Anzahl von 35 Hotels haben wenige Bergdörfer in Griechenland zu bieten. Das hängt natürlich mit der archäologischen Stätte zusammen, deren Besucher fast alle in Delphi Station machen, um etwas zu essen, zu übernachten oder sich in einem der unzähligen Souvenirshops ein Reiseandenken zu besorgen. Die Einwohner Delphis haben sich seit langem auf den Ansturm der Touristen eingestellt, und so gibt es ein hervorragendes Angebot an Unterkünften in jeder Preisklasse und Kategorie. Seien es Campingplätze, Jugendherberge und einfache Pensionen oder Hotels - jeder kann finden, was seinem Geschmack, seinen Bedürfnissen und seinem Geldbeutel entspricht.

Genauso reichhaltig ist das Angebot im gastronomischen Bereich. Was dabei - im Gegensatz zu anderen von vielen Touristen frequentierten Orten sehr positiv auffällt - ist die Tatsache, dass man in Delphi, vor allem in den letzten Jahren, ganz bewusst auf Qualität setzt. Sehr viele Hotels, Restaurants und Cafés wurden in jüngster Zeit umgebaut und modernisiert. Und es ist sehr erfreulich zu sehen, dass die früher üblichen und durchaus nicht reizlosen aber unbequemen, wackeligen Holzstühle (die es vereinzelt noch gibt) hier nicht wie an so vielen Orten durch die weltberühmten Einheitsplastiksessel ersetzt wurden. Im Gegenteil, man wird fast überall sehr geschmackvolle Möbel finden, meist aus Holz, und die Räume sind so einfallsreich und stilvoll gestaltet, dass man beim Genuss des italienischen Cappuccinos in einem der geschmackvoll eingerichteten Cafés eher das Gefühl hat, in einer europäischen Großstadt zu sitzen und nicht in einem griechischen Bergdorf 180 km von der Metropole Athen entfernt. Der Preis, den man bezahlt, erinnert allerdings auch eher an eine Großstadt ...

Dieses Qualitätsbewusstsein, das man an manch anderem Ort in Griechenland noch schmerzlich vermisst, zeigt sich auch im vielfältigen kulinarischen Angebot der vielen Restaurants und Tavernen. Das Einzige, was man wenig findet, ist Fastfood. Ansonsten gibt es so ziemlich alles, was die gute traditionelle griechische Küche zu bieten hat, aber auch italienische und internationale Gerichte.
Seit kurzem gibt es in Delphi sogar einen - zugegebenermaßen etwas ungewöhnlichen - öffentlichen Nahverkehr. Er besteht aus einer kleinen Lokomotive auf Rädern mit drei Waggons, die alle fünfzehn Minuten zwischen dem unteren Ortsende und der archäologischen Stätte verkehrt. Die meisten wissen wohl nicht, dass die Fahrt kostenlos ist, und so ist der Zug tagsüber meistens ziemlich leer. Am Abend dagegen lassen sich Touristengruppen gerne durch die Gegend kutschieren, wobei die Fahrt offenbar die Sangeslust anregt. So muss der Fahrer nicht seine Bimmelglocke betätigen, um die Fußgänger zu warnen - durch die Gesänge kann der Zug unmöglich überhört werden.
Abgesehen von den singenden Touristen wird es aber gegen Abend ruhig in Delphi. Einheimische wie Touristen flanieren nach dem Essen gemütlich durch das Dorf, hie und da hält man ein Schwätzchen, betrachtet die Auslagen der zahlreiche Geschäfte oder setzt sich noch in ein Café.
In der Nacht wird es dann ganz still. Ein bellender Hund, eine miauende Katze und der Wind, sonst ist nichts mehr zu hören. Und man wundert sich nicht mehr, dass viele erholungssuchende Griechen, die im Parnassos-Nationalpark wandern wollen, nicht im viel näher gelegenen Arachova, sondern in Delphi ihr Quartier aufschlagen.
Dazu die frische Bergluft - da kann man sich erholen.

Europäisches Kulturzentrum Delphi
Mit dem Europäischen Kulturzentrum versucht das heutige Delphi an seine kulturelle und politische Bedeutung als weltweites geistiges Zentrum in der Antike anzuknüpfen. Es befindet sich am westlichen Ende des Dorfes inmitten eines Kiefernwäldchens. Jeden Sommer ist es verantwortlich für zahlreiche internationale kulturelle Veranstaltungen wie Konzerte, Theateraufführungen, meist im neuen Amphitheater des Zentrums, das vor wenigen Jahren fertiggestellt wurde und mit dem Blick auf die Bucht von Itea eine einmalige „Kulisse“ besitzt. Außerdem findet jeden Sommer eine internationale Tagung zu einem Thema von internationalem Interesse statt. Diesen Sommer wird sich die Tagung (1. - 6. Juli) mit der Rolle der EU im 21. Jahrhundert beschäftigen. Im Garten des Kulturzentrums sind in einer Dauerausstellung Skulpturen namhafter griechischer Bildhauer zu besichtigen.
Soweit zum Ort Delphi. Nun wollen wir Ihnen einige der Sehenswürdigkeiten in der näheren Umgebung vorstellen.

Distomo

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German Soldiers Distomo 1944 - Argyris Sfountouris

Auf dem Weg nach Hosios Lukas passiert man das Dorf Distomo. Dieses Dorf ist keine „Sehenswürdigkeit“ im eigentlichen Sinn. Erwähnt werden muss es wegen seiner traurigen Geschichte, denn die Bewohner des Dorfes erlitten im Zweiten Weltkrieg ein ähnliches Schicksal wie die Bürger des Städtchens Kalavryta auf der Peloponnes. Nach einem Partisanenüberfall in der Nähe der Ortschaft wurden hier am 10.6.1944 in einer blutigen Vergeltungsaktion der SS 218 Zivilisten, darunter viele Frauen und sogar Kleinkinder, regelrecht abgeschlachtet. Ein Mahnmal auf einem kleinen Hügel im Dorf erinnert an diese grauenvolle Tat, die übrigens seitens der Bundesrepublik bis heute ungesühnt ist, denn die Bevölkerung von Distomo hat trotz eines Urteils des höchsten griechischen Gerichtshofes bis heute keinerlei Entschädigung erhalten. Am 3.3.2006 hat das Bundesverfassungsgericht die Verfassungsbeschwerde der noch lebenden Opfer von Distomo abgelehnt und jegliche Entschädigungsansprüche abgelehnt. Versöhnungsaktionen und -konzerte haben zwar stattgefunden, sind aber dem Engagement von Privatleuten zu verdanken.

Livadia

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Livadia

Die lebhafte kleine Landstadt liegt an der Strecke Theben - Delphi. In der Antike und im Mittelalter war der Ort, am Taleingang zum Pass nach Delphi zwischen Helikon und Parnassos gelegen, von großer strategischer Bedeutung. Und so finden wir auch hier, auf einem steilen Bergrücken, die Reste einer von Franken und Katalanen erbauten imposanten Festung. In der Antike war Livadia vor allem bekannt durch das Orakel-Heiligtum des Trophonios, das sich hier in der Herkyna-Schlucht befand. Pausanias beschreibt sehr eindrucksvoll die unheimlichen Prozeduren, die der Ratsuchende über sich ergehen lassen musste. Am Fuß des Felsenbergs ist noch gut die Grotte zu erkennen, in der der Sage nach ein Schlangenkult, wohl in Zusammenhang mit dem Orakel vollzogen wurde. Heute ist es wunderschön, hier im Schatten alter Bäume zu spazieren oder sich in eines der vielen Restaurants oder Cafés zu setzen. Zahlreiche Quellen speisen den wilden Bach und schenken dem Ort einen für Griechenland seltenen Wasserreichtum. Sehr malerisch sind die türkische Brücke und die vielen alten Wasserräder.

Orchomenos
Etwa 50 km westlich von Delphi befindet sich eine der ältesten Siedlungen Griechenlands aus der neolithischen Zeit (6000 v. Chr.). In mykenischer Zeit war Orchomenos ein bedeutendes Machtzentrum, das den berühmten Herrensitzen von Mykene oder Tiryns auf der Peloponnes in nichts nachstand. Schliemann grub hier ein Kuppelgrab aus, das große Ähnlichkeit zu dem bekannten „Schatzhaus des Atreus“ in Mykene aufweist. Die Kuppel ist zwar eingestürzt, dafür ist die wunderschön gearbeitete steinerne Decke der Grabkammer gut erhalten. Freskenfragmente sind im Museum von Chaironia zu sehen. Gleich neben dem Kuppelgrab sind Reste des antiken Theaters zu sehen. Die Blütezeit, die Böotien in der byzantinischen Epoche erlebte, hat auch in Orchomenos ihre Spuren hinterlassen. Hier ist eine der ganz wenigen noch erhaltenen bedeutenden Kirchenbauten aus jener Zeit, die Kirche der Panajia Theotokus. In den Jahren 873/874 wurde sie erbaut. Ihr Grundriss vereint die Form der Kreuzkuppelkirche mit der einer dreischiffigen Basilika. In die Außenwände des Baus sind viele antike Spolien und ornamentgeschmückte Reliefs aus byzantinischer Zeit integriert.

Chaironia

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Chaironia Archäologisches Museum

Nur wenige Kilometer von Orchomenos entfernt liegt dieser geschichtsträchtige Ort, in dem der berühmte griechische philosophische Schriftsteller Plutarch um 45 geboren wurde. Wohl aus der hellenistischen Zeit stammt eine recht gut erhaltene Akropolis mit Türmen und Toren, die auf einem Felsrücken südlich des modernen Ortes liegt, außerdem ein kleines, aus dem Fels gehauenes Theater. Das monumentale Löwendenkmal am westlichen Ortsausgang in Richtung Theben erinnert an die Schlacht, mit der Chaironia in die Geschichte eingegangen ist. 338 v. Chr. schlug hier Philipp II. von Makedonien, unter maßgeblicher Beteiligung seines damals 18-jährigen Sohnes Alexander des Großen, die verbündeten Griechen und errang damit endgültig die Oberherrschaft in Griechenland. Das Denkmal wurde vermutlich von den Unterlegenen zur Erinnerung an die getöteten Thebaner errichtet.

Parnassos-Nationalpark

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Parnass Berg

Direkt oberhalb von Delphi, das ja bereits am südlichen Abhang des bis zu 2455 m hohen Parnassos-Gebirges liegt, wurde der Parnassos-Nationalpark geschaffen. Ausgedehnte Karsthochflächen werden vom kuppelartigen Gipfelmassiv überragt. Das Parnassos-Gebirge ist die zweithöchste Erhebung Mittelgriechenlands und aufgrund der großen Höhe der Gipfel oft die Wetterscheide zwischen dem Osten und dem Westen Mittelgriechenlands. Deshalb sieht man die Gipfel oft in Wolken und muss mit heftigen Gewittern rechnen. In den schneereichen Wintern tummeln sich hier im Wintersportzentrum die Skifahrer, während der anderen Jahreszeiten sind herrliche Bergwanderungen möglich. Direkt von Delphi aus kann man auf dem wenig begangenen Wanderweg E4 den Nationalpark durchqueren. Der Tannenbestand reicht bis in 1500 m Höhe, und manch einer mag sich fragen, ob er sich hier wirklich mitten in Griechenland befindet und nicht irgendwo in den Schweizer Alpen.

Korykische Grotte
Bereits seit der Antike ist diese 70 m tiefe Tropfsteinhöhle im Parnassos-Nationalpark bekannt, in der sich damals ein Heiligtum des Pan und der Nymphen befand, wie zahlreiche Weihegaben und Dankesinschriften zeigten. Wer gut zu Fuß ist, kann von Delphi aus wandern. Atemberaubende Aussichten auf die Bucht von Itea und den Heiligen Bezirk von Delphi belohnen die Mühe, denn die erste Etappe des Weges ist sehr steil und recht anstrengend.
In einer weiteren Höhle in der Nähe, „Eptastomos“ genannt wegen ihrer sieben Eingänge, befindet sich nach den jüngsten wissenschaftlichen Forschungen in 70 m Tiefe der südlichste Gletscher Europas.

Giona-Gebirge und Mornos-Stausee

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Giona Berg

Östlich von Amfissa, der Hauptstadt Fokidas, erhebt sich das gewaltige Giona-Gebirge, dessen sieben höchste Gipfel alle über 2000 m hoch sind. Selbst Anfang Juni liegt hier an einzelnen Stellen noch Schnee. Zahlreiche Quellen schenken dem Gebiet einen großen Wasserreichtum, was auch an dem üppigen Grün der Vegetation zu sehen ist.
Aufgefangen wird das Wasser in dem großen Mornos-Stausee. Seinem Bau fielen die Reste der antiken Siedlung Kallipole, aber auch ein modernes Dorf zum Opfer. Die Funde aus dem antiken Ort wurden gerettet und sind im Archäologischen Museum von Lidoriki zu sehen, einem reizenden Bergdorf oberhalb des Stausees. Lidoriki wird übrigens gerne von Griechen besucht, um das vorzügliche Fleisch der hier frei herumlaufenden Rinder zu genießen.
Wenige Kilometer nördlich von Lidoriki liegt in 800 m Höhe das kleine Bergdorf Sikia, das am Fuß des imposanten Giona errichtet ist. Die senkrechte Wand mit negativer Neigung zählt zu einer der bedeutendsten Kletterregionen Europas, weshalb in der Nähe der Ebene ein Kletterzentrum mit Übernachtungs- und Empfangsräumen und Information eingerichtet wurde. Auch hier erinnert die wunderschöne Landschaft an die Alpen. In der Gegend gibt es auch zahlreiche Höhlen. In einer davon wurde neben Stalagmiten, Stalaktiten und einem kleinen natürlichen See die Marienkapelle „Zoodochou Pigis“ eingerichtet.

Galaxidi

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Galaxidi

Westlich des krisäischen Golfs liegt das malerische Hafenstädtchen Galaxidi. Vor allem griechische Besucher aus dem Athener Raum schätzen seine schönen Strände und lieben es, abends an der Hafenpromenade ihre „Volta“ zu machen oder in einer der zahlreichen Fischtavernen einzukehren, um dort vorzüglich zu essen. So idyllisch und gemütlich Galaxidi auch heute wirkt, es blickt doch auf eine 4000-jährige Geschichte und war einst ein bedeutender Seefahrerort. Von hier aus wurde ein weitläufiger Fernhandel betrieben, der die Segelschiffe sowohl bis nach Ostasien einerseits als auch Havanna und New Orleans andererseits führte. Erst mit dem Aufkommen der Dampfschifffahrt im 19. Jh. mit ihren neuen Routen verlor Galaxidi als Hafen an Bedeutung. An der Hafenbucht sind noch die Reste von antiken Befestigungsmauern zu sehen, auf einer Hügelkuppe in der Ortsmitte befindet sich ein kleines Archäologisches Museum. In der Zeit um 1250 wurde das byzantinische Erlöserkloster gegründet, aus dem 15. Jh. stammt das steinerne Aquädukt. Beim Bummeln durch den Ort kann man auch die schönen traditionellen Gebäude bewundern, in denen heute das Rathaus und das Volkskundemuseum untergebracht sind.

Itea
Im hintersten Winkel des krisäischen Golfes liegt das etwa 9000 Einwohner zählende Itea, mit der Gründung um 1830 eine sehr junge, zwar architektonisch wenig reizvolle Stadt, die aber eine hübsche Uferpromenade mit einladenden Tavernen und Cafés hat. Mit ihrem Hafen ist sie Mittelgriechenlands Tor zum Meer. Sehr alt ist dagegen das zum heutigen Stadtgebiet gehörende Kirra, das laut der Ausgrabungsbefunde um 3000 v. Chr. gegründet wurde und in der Antike als der Hafen von Delphi eine große Blütezeit erlebte. Ganz in der Nähe von Itea sieht man, was viel zum Reichtum des Regionalbezirks Fokida beiträgt: es ist der Abbau von Bauxit, das hier in den Bergen vorkommt. Nicht weit entfernt von Fokidas Hauptstadt Amfissa, am Kilometer 51 der Nationalstraße nach Lamia, befindet sich eine alte Bauxitmine, in der ein Minenmuseum eingerichtet wurde, das Vagonetto.