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Napoleon Lapathiotis – Ein sehr merkwürdiger Fall

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2023-03-08 2023-03-08 08.03.2023
Napoleon Lapathiotis 0001
Napoleon Lapathiotis

Der Dichter und Schriftsteller Napoleon Lapathiotis (griechisch: Ναπολέων Λαπαθιώτης) wurde am 31. Oktober 1888 in Athen geboren. Sein Jurastudium an der Universität Athen schloss er 1909 ab, doch arbeitete er nie als Jurist. Lapathiotis war anfangs ein Anhänger von Eleftherios Venizelos, schloss sich dann aber in den 1920er Jahren der kommunistischen Bewegung an. In der Nacht vom 7. zum 8. Januar 1944 erschoss er sich, verarmt und vom Rauschgift entkräftet.
Lapathiotis begann schon im Alter von 11 Jahren, Gedichte zu schreiben. Eine erste Auswahl seiner Gedichte erschien 1939 unter dem Titel „Τα ποιήματα”. Viele seiner Gedichte wurden von griechischen Komponisten vertont. Seine Autobiographie „Η ζωή μου : απόπειρα συνοπτικής αυτοβιογραφίας“, herausgegeben von Γιάννης Παπακώστας, erschien 1986 im Verlag Στιγμή, Athen.
Die folgende Erzählung von Napoleon Lapathiotis „Μια πολύ παράδοξη περίπτωση“ wurde erstmals in der Zeitschrift Μπουκέτο, Bd. 10, Heft 470 (5. März 1933) veröffentlicht. Die deutsche Übersetzung „Ein sehr merkwürdiger Fall“ stammt von Markus List.

Ich muss zugeben, dass ich überhaupt nicht verwundert war, als ich vor wenigen Tagen vom Tod meines Freundes N. D. erfahren habe. Ich wusste, dass dieser Mensch sich eines Tages umbringen würde. Ich hatte sogar schon begonnen, mich über den späten Zeitpunkt dieser Tat zu beunruhigen. Ich hatte sein Bekenntnis gehört und mich aus ganzem Herzen gewundert, wie er es fertigbrachte, noch zu leben, mit dieser seltsamen Krankheit, die sein Leben zur Qual machte … Diese seltsame Krankheit – eine der merkwürdigen Krankheiten, von denen ich in meinem Leben zu hören bekam – hatte die verhängnisvolle Folge, ihm jede Tür zu versperren, ihm jeden Anlass zur Freude zu nehmen! Ein anderer an seiner Stelle hätte wahrscheinlich einen Weg gefunden, sich zu behelfen – vielleicht sogar zu versuchen, aus seinem Ausnahmezustand entsprechenden persönlichen Nutzen zu ziehen. Doch Nikos war ein sensibler Mensch und konnte keinen Nutzen daraus gewinnen … Und ich kann seinen verzweifelten Schritt gut verstehen: Es war ihm unmöglich, bis zum Ende durchzuhalten …
Ich hatte sein Bekenntnis eines Abends erfahren, an einem Abend, an dem wir beide auf dem Heimweg waren – ein lauer Herbstabend, letztes Jahr, wenn ich mich recht erinnere. Wir waren ins Kino gegangen, und danach, als wir es verließen, in ein Nachtlokal. Wir hatten Wein getrunken und waren schon leicht angeheitert. In dieser Stimmung fand ich den Mut, ihn im Vertrauen nach einer bedeutsamen Veränderung zu fragen, die mir seit einiger Zeit an seinem Charakter aufgefallen war. Er war nicht mehr der Mensch, den ich kannte.
Dieser gutmütige und offenherzige, liebevolle und fröhliche Freund hatte sich seit jetzt zwei Jahren – und ganz konkret nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus, wo er ich weiß nicht wieviele Monate nach seiner Kopfverletzung gelegen hatte, eine Folge des furchtbaren Krieges – radikal verändert. Er war mürrisch, argwöhnisch geworden, vermied den Umgang mit seinen Freunden – er war ein totaler Menschenfeind geworden … Und doch war er vollkommen gesund – seine Ärzte hatten uns das bestätigt – trotz der Gefahr, die er durchgestanden hatte. Jene frühere Kopfverletzung hatte kein empfindliches Organ verletzt, die Wunde war vernarbt. Sein Verstand funktionierte wie immer. Er war vollkommen geheilt von jener Nervenkrise, die seinem Unfall gefolgt war und die natürlich der Erschütterung zuzuschreiben war, die er durch den Krieg erlitten hatte, so wie es auch vielen anderen ergangen war. Von alledem war er geheilt. Und doch ging seine Veränderung auf diese Zeit zurück. Er hatte sich in sein Haus zurückgezogen und wollte niemanden sehen. Viele Gerüchte über seinen Zustand waren seit damals bei uns im Umlauf. An jenem Abend wollte ich ihnen nachgehen.
Er war durch meine Frage aus der Fassung geraten. Während er mit kleinen Schritten vorwärts ging, seine Hand auf meine gelegt, spürte ich, dass seine Hand zitterte. Ich bereute mein Ausfragen und versuchte, meinen Ton zu ändern. Er jedoch sagte kein Wort. Er wusste genau, wie sehr ich ihn mochte – das wusste er ganz genau, mehr noch als ich mir das vorgestellt hatte – und durfte nicht, dachte ich, verärgert sein. Doch noch etwas anderes: ich hatte bemerkt, dass sich schon vor meiner Frage sein Gesicht verdüstert hatte, als ob er die Worte, die ich ihm sagen würde, erwartet hätte …
All das erklärte ich mir später, als er mir sein verborgenes Leiden eröffnete. Zum ersten Mal offenbarte er es. Seine Stimme zitterte. Er hielt meine Hand noch fester, seine Augen hatten einen abwesenden Ausdruck. Anfangs sprach er überhaupt nicht. Es schien, als zögere er, es mir zu offenbaren – oder als suche er die geeigneten Worte zu finden. Doch gleichzeitig spürte ich den fürchterlichen Zwang, der ihn quälte, endlich darüber zu sprechen, sich davon zu befreien … Ich spürte, dass dieses Geheimnis, das mich, als ich es hörte, bestürzt hatte, nur auf eine Gelegenheit gewartet hatte, endlich gelüftet werden zu können … Und eine größere, eine schönere Gelegenheit als diese, die ihm nun geboten wurde, konnte sich nicht ergeben. Ich war sein meistgeliebter Freund. Zwanzig Jahre aufrichtiger Freundschaft waren keine unbedeutende Vorgeschichte. Außerdem wusste er, wie sehr ich ihn mochte, und dass jene Frage freundschaftlichem Interesse entsprang, das tief, aufrichtig und ohne Hintergedanken war …
Er fing schließlich an, sich mir mit tiefer, zögerlicher, anfangs etwas ängstlicher Stimme anzuvertrauen – er hatte solche Furcht, ich könnte ihm nicht glauben oder ich würde ihn für verrückt halten – dann aber wurde seine Stimme kräftig, vibrierend, fieberhaft, voller Anspannung!
“Zuerst versprich mir“, sagte er zu mir, „dass du mich nicht für verrückt hältst. Das ist das einzige, das ich von deiner Seite nicht aushalten kann, das einzige, was mich verletzen kann! Besser du sagst, dass ich lüge! Aber auch wenn du mich für verrückt hältst und wenn du vielleicht meinst, ich erzähle Lügen, so weiß ich schon, dich von deinem Irrtum zu befreien … Ich habe den Beweis bei mir! Dann wirst du selbst sofort davon überzeugt, dass ich meinen Verstand noch besitze! Dass ich ihn noch behalten habe, ich weiß nicht wieso … Vielleicht aus Bosheit meines eigenen Schicksals, damit ich mich noch mehr quäle …
Vor jener Kriegsverletzung hätte ich mir das nie vorstellen können: Ich war genau so wie alle Menschen! Ich glaubte an die Liebe, die Gutherzigkeit, ich hatte Träume, ich lebte im Irrtum … Seit damals glaube ich an nichts mehr …
Was mir passiert ist, kann ich nicht erklären: welche Veränderungen sich in meinem Gehirn vollzogen, welche Zellen unvorhergesehen an Kraft gewonnen haben, damit ich diese Eigenschaft bekommen habe, bin ich außerstande, dir zu sagen … Ich bin jetzt das unglaubliche Phänomen – das einzige Phänomen auf der Welt – und anstatt durch dieses Ereignis der glücklichste Mensch zu werden bin ich der unglücklichste geworden …
Das erste Mal, als mir die Sache auffiel, war während meiner Genesung. Als ich mich eines Tages mit einer Krankenschwester unterhielt, stellte ich folgende Tatsache fest: noch bevor sie mit mir sprach, las ich klar und deutlich ihre Gedanken; noch bevor sich ihre Lippen bewegten, wusste ich, was sie mir sagen wollte! Das erregte bei mir große Neugier … Ich machte auch Versuche bei anderen. Ich machte Versuche bei meinem Arzt, bei den Freunden, die mir beistanden, bei meiner Schwester, die jeden Tag kam und mir einige Stunden Gesellschaft leistete … Sogar bei dir selbst machte ich den Versuch, jedes Mal wenn du mich besuchen kamst!
Ich war perplex! Ich las die Gedanken der Menschen, wie man in einem Buch liest! Dies verursachte mir anfangs einen Schrecken, der mich leider keine Worte finden lässt, mit denen ich ihn dir verständlich machen kann … Ich fühlte, dass ich eine geheimnisvolle Eigenschaft erworben hatte, die jede Fantasie überstieg! Ich wusste Bescheid über das Gedankenlesen, über jene merkwürdige Eigenschaft, die dazu befähigt, dass manche Menschen mit geringer Anstrengung die Gedanken anderer Menschen erraten. Doch ich sah ohne jeglichen Aufwand die Gedanken sich bewegen, als ob die Stirn der Menschen gläsern wäre … Ich sah ihre Entstehung, ihren Weg, ihre allerkleinsten Bewegungen auf eine verblüffende Art und Weise … Es gab nichts, was mir entging …
Als ich aus dem Krankenhaus herauskam, setzte sich das fort. Es verfolgte mich wie ein Albtraum. Ich merkte, dass ich verrückt wurde … Ich hielt mich fern von Menschen, ich wagte es nicht, mit irgendjemandem zu reden. Ich fand Trost in der Gesellschaft der Tiere – weil, auch wenn ich selbst deren Gedanken las, diese Gedanken so elementar, so harmlos und so natürlich waren, dass sie nicht in der Lage waren, mich zu stören! Sie hatten weder die Brutalität noch die unglaubliche Arglist, die ungeheure Hinterhältigkeit der verborgenen menschlichen Gedanken … Ich ertrug niemanden außer meiner Schwester, denn bei ihr las ich eine gewisse Zuneigung für mich und einige Spuren von Gutherzigkeit für die anderen. Um nichts Unerfreuliches, um keine schlimmen Gedanken mir gegenüber zu lesen, hatte ich mich von allen meinen Freunden zurückgezogen …
Ich hatte meine Tür zur Welt geschlossen. Der Gedanke an sie bereitete mir Qualen. Ich spürte sie, wie sie sich zäh und unbeschreiblich in der Luft umherbewegte und meine Hoffnungen zerstörte, wie eine heimtückische und unersättliche Schlange, die versucht, dich zu umschlingen …
Ich wusste, was sie über mich dachten, ich wusste, was sie für mich fühlten, ich kannte ihre Bösartigkeiten und ihre Heucheleien, den furchtbaren und unglaublichen Abstand, den es zwischen ihren Worten und ihren Gedanken in jeder Sekunde gibt – und diese Tatsache war mir unerträglich …
Ich konnte weder jemanden lieben noch mit jemandem näher bekannt werden. Ich konnte keinen Menschen in meiner Nähe ertragen und auch keine Frau – denn niemand von ihnen verkörpert Güte – und ich glaubte an nichts anderes als an Güte, ich verlangte nach nichts als nach Güte, ich sehnte mich nur nach Güte …
Über mein Geheimnis habe ich zu niemandem gesprochen. Ich habe es tief in meiner Seele verborgen und damit gelebt, viele Jahre lang … Ich wagte es auch nicht, darüber zu sprechen: denn entweder hätten sie mich für verrückt erklärt oder sie hätten es geglaubt und sich entfernt, sie wären voller Furcht von mir gewichen, damit ich nicht ihre geheimen Gedanken erfahre, nicht ihre Bösartigkeit erkenne, ihre Hintergedanken, alle ihre Geheimnisse … Ich wäre sowieso wieder alleine gewesen …
So allmählich aber gewöhnte ich mich daran, das alles vor mir liegen zu sehen! Ihr Anblick macht keinen Eindruck mehr auf mich noch verursacht er mir den Abscheu, den er mir anfangs bereitet hat … Nur dass ich meine Beziehungen so verändert habe, dass ich an meiner Seite nur noch diejenigen habe, die mich mögen … Und die Boshaftigkeiten, die ich auch bei diesen lese, die bodenlosen und versteckten Leidenschaften, alle moralischen Verderbtheiten und schrecklichen Begierden habe ich jetzt gelernt zu vergeben: es reicht mir, wenn sie mich nur mögen – mehr oder weniger, ist mir egal – und dass sie nicht mein Unglück wollen …“
Er hielt einen Augenblick an und legte seine Hand vor seine Stirn.
Ich wollte mit ihm reden, ihn trösten.
Er streckte seinen anderen Arm aus und drückte meine Schulter:
„Schweige, schweige, ich weiß, was du sagen wirst! Ich danke dir … Ich weiß, dass du mich magst, und genau aus diesem Grund habe ich dir mein erstaunliches Geheimnis offenbart … Ich wusste, dass du danach fragen würdest … Und diese Tat, es dir mitzuteilen, war für mich eine große Erleichterung …“
Danach richtete er sich plötzlich vor mir auf, ergriff krampfhaft auf verrückte und verzweifelte Art meine Arme und rief mir mit klagender Stimme zu:
„Und jetzt, wie soll ich leben, WIE SOLL ICH LEBEN? Mit welcher Einstellung soll ich den Menschen begegnen, mit welchem Gefühl mit ihnen Kontakt aufnehmen, mit welchem Blick mich ihnen nähern? Jeder ihrer Gedanken, den sie nicht aussprechen, verletzt mich, jede Lüge, die sie erzählen, noch viel mehr … Sie erschrecken mich oder widern mich an … Ich habe jede soziale Bindung abgebrochen, jede Beziehung von mir zu ihnen! Ich lebe allein, wie ein Eremit, umgeben von meinen Katzen und ihren unschuldigen, ihren einfachen Gedanken, an die ich mich wenigstens gewöhnt habe und die ich nicht fürchte und die mich nicht stören … Wäre es nicht besser für mich gewesen, im Krankenhaus zu sterben oder im Krieg gefallen zu sein als in dieser Beklemmung zu leben, mit diesem schauderhaften Albtraum, der mir die Hoffnung zunichte macht und mir die Liebe verbietet – der mich in meinem Zimmer einsperrt wie ein verurteiltes Wesen, das nicht erlöst werden kann?“
...
Seit dieser Nacht habe ich ihn nicht mehr wiedergesehen. Als ich dann vorgestern von seinem Tod erfahren habe, tat er mir einen Augenblick lang leid, als Freund – doch ich tröstete mich sogleich bei dem Gedanken, dass er erlöst war ...