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Argyris Eftaliotis - Erste Liebe

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2023-02-21 2023-02-21 21.02.2023
Argyris Eftaliotis 0001
Argyris Eftaliotis

Argyris Eftaliotis (griechisch Αργύρης Εφταλιώτης) ist das Pseudonym des griechischen Schriftstellers Kleánthis K. Michailídis. Eftaliotis wurde am 1. Juli 1849 in Molivos (Mithymna) auf der griechischen Insel Lesbos geboren. Als er 17 Jahre alt war, schickte ihn sein Vater zu einem Onkel in ein Handelsgeschäft nach Konstantinopel. Später arbeitete Eftaliotis in einer Handelsfirma in Manchester, Liverpool und Bombay. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in Antibes (Südfrankreich), wo er am 25. Juli 1923 starb.

In deutscher Sprache ist von Argyris Eftaliotis erschienen:
Die Olivensammlerin : griechische Erzählungen / aus dem Neugriechischen übersetzt und herausgegeben von Alexander Steinmetz. - Eisenach : Erich Röth Verlag, 1955. - 145 Seiten. - (Das Gesicht der Völker ; 15)

Die folgende Erzählung „Πρώτη αγάπη - Erste Liebe“ ist entnommen aus:
Εφταλιώτης, Αργύρης: Νησιώτικες ιστορίες. - Εν Αθήναις : Τυπογραφείον της Εστίας, 1894. - S. 99-103. Die Übersetzung erfolgte durch Markus List.

Ich muss ungefähr zwölf Jahre und jene muss etwa elf Jahre alt gewesen sein. Ich sah sie weder in der Kirche noch beim Weissagungsspiel am Johannistag, weder am Brunnen noch am Fenster. Ihre Mutter und meine Mutter hatten nicht viel Umgang miteinander.
Dort wo ich sie sah, waren wir zwei nicht allein. Wir waren acht oder zehn vielversprechende Buben, entschlossen zu lernen, was Personalform heißen mag, und die Kultur in das Dorf zu bringen. Außerdem fünf, sechs Mädchen, die jeden Tag zwei Stunden kamen, sich auf die andere Seite vom alten Lehrer setzten und mit einer Anmut die Grammatik analysierten, was dich ob du wolltest oder nicht dazu brachte, die Grammatik zu lieben.
Die Anmut hatten sie natürlich, denn sie waren alle sehr jung, nicht dass alle auch hübsch gewesen wären. Nach meinem Geschmack war nur eine einzige hübsch, und diese war – meine Geliebte!
Was für ein Wort ist mir da entschlüpft! Warum und weshalb Geliebte! Kein Wort habe ich jemals zu ihr gesagt. Nicht einmal mit dem kleinen Finger habe ich ihre zarte Hand berührt. Nicht einmal mein Atem konnte ihr nahe kommen, um sie zu streicheln. Das einzige, was manchmal von meinen Lippen zu ihren Lippen sprang, war das Verb „fehlen“, wenn wir alle es der Reihe nach von einer Zeitform aus konjugierten und wenn ich zufällig der letzte in meiner Reihe und jene die erste in der Mädchenreihe war. „Wir fehlten, ihr fehltet“, wollte sie sagen und stockte und lächelte, woraufhin ich, der Tag für Tag auf einen Anlass gewartet hatte, ihr ein wenn auch verhaltenes Lächeln zuzuwerfen, über das ganze Gesicht strahlte während ich sie ansah, ohne Furcht, der Lehrer könnte unser fürchterliches Geheimnis bemerken. Sie richtete ihren Blick dann auf das Buch, ihre beiden Wangen färbten sich rot, und das Mädchen neben ihr machte mit der nächsten Zeitform weiter.
Augen und nochmals Augen! Ohne euch hätten wir weder die erste noch die letzte Liebe! Meine Blicke, wenn sie in den Unterricht kam, ihre Blicke, wenn sie die Schule verließ, um nach Hause zu gehen, waren unsere Schwüre, unsere Lieder, unsere Küsse, sie waren auch unsere Liebesbriefe. Mit der Zeit und ohne unter uns ein Wort zu wechseln machten wir diese Kunst der Blicke zur Wissenschaft. Es gab alle Arten von ihren Blicken. Der Blick der Gleichgültigkeit, der mir das Herz zerriss, des Zorns, der mich wie der Blitz versengte. Der treulose Blick zu einem anderen, der mich wie Wachs zum Schmelzen brachte und mich vernichtete. Dann wieder der sanfte und zärtliche Blick der Liebe, der meine Seele wieder an ihren Platz brachte und mich beruhigte. Meine Blicke dagegen, so hochbedeutsam sie auch waren, unterlagen nicht solchen furchtbaren Änderungen. Dieselbe Ergebenheit, dieselbe Sehnsucht, dasselbe Leiden immer.
Drei Monate müssen so vergangen sein. Ich wachte beim ersten Hahnenschrei auf und konnte die Zeit nicht abwarten, in die Schule zu gehen. Meine Mutter war stolz auf mich und sah mich schon als Bischof.
Ich war immer als erster in der Schule und doch schaffte ich es nicht ein einziges Mal, sie allein anzutreffen, weder auf ihrem Schulweg noch dass sie schon in der Schule angekommen war. Das war jetzt mein Verlangen, das war mein Traum. Sie allein zu sehen, wenn auch nur für einen Augenblick. Um ihr ein für allemal zu sagen, dass ich sterbe, dass ich vergehe, dass es für mein Leben keine andere Rettung gibt als ihre ewige Liebe. Alles das würde ich mit meinen leidenschaftlichen Blicken sagen, doch das unersättliche Herz verlangte Worte, es wusste nicht, was Maß und Kenntnis heißt, es schrie mir dauernd zu: „Vorwärts! Die Liebe hat noch andere Freuden!“
Doch wie kann ich ihr verständlich machen, dass ich mir ihr reden möchte? Hier reichen die Blicke nicht aus. Hier braucht es einen Liebesbrief. Tausende Male habe ich ihn geschrieben und nochmals geschrieben. Ich nahm ihn mit mir, entschlossen, mich nicht zu schämen, weder den Lehrer noch den Klassenbesten zu fürchten, nur ihr den Zettel heimlich in einem Buch, einem Tintenfass oder sonst was zu geben. Die Stunde kam, und mein Herz machte nicht mit! Ich wagte es nicht! Ich nahm den Zettel beim Hinausgehen mit und zerriss ihn in Stücke, und ich verfluchte die Stunde, in der ich als ein solch nutzloser Feigling geboren wurde.
Als der Sommer anfing, stand ich eines Morgens auf, stellte mich vor die Muttergottes und schwor, ihr am selben Tag noch den Liebesbrief zu geben, und wenn ich ihn ihr nicht gab, sollte Feuer herabfallen und mich verbrennen.
Ich ging wieder als erster zur Schule. Alle Buben kommen, alle Mädchen. Meine Augen werden trüb vom Anstarren der Tür, vergeblich! Meine Kleine erscheint nicht! Der Lehrer liest die Liste vor, er kommt zur Argyro … Schweigen.
„Wo ist Argyro?“ fragt der Lehrer eine ihrer Freundinnen.
Ihre Mutter war krank geworden, so blieb sie zuhause. Wie schwer war mein Herz, als ich an jenem Mittag nachhause zurückkehrte! Was sollte ich machen, wohin sollte ich gehen, es sollte schnell dunkel und wieder Tag werden!
Es wird hell, ich gehe wieder zur Schule – dasselbe! Es vergeht eine Woche, zwei Wochen – ein Monat war vergangen, als eines Tages ein Mädchen zum Lehrer sagte, die Mutter Argyros sei gestorben, und die Kleine käme nicht mehr zur Schule.

Ich muss ungefähr fünfundzwanzig Jahre alt gewesen sein, als ich damals zum ersten Mal aus dem Ausland zurückgekehrt bin, um meine Angehörigen zu besuchen. Alle alten Freunde und alle alten Freundinnen kamen mich besuchen. Vom anderen Dorfende kam auch Argyro, eine verheiratete junge Frau mit zwei Kindern. Wir unterhielten uns zum ersten Mal. Ich erzählte ihr und sie erzählte mir tausend Sachen, über ihre Kinder, deren Schönheit und Klugheit, meine Reisen, über meine Freude, dass ich meine Mutter so wohlbehalten vorfinde. Über all das ergoss sich ein Schwall von Worten, und über unsere erste Liebe, diese unvergessliche Liebe – wie damals so auch jetzt – sprachen wir kein einziges Wort!