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Themos Kornaros – Die Rückkehr

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2022-10-12 2022-10-12 12.10.2022

Der griechische Schriftsteller Themos Kornaros wurde um 1907 in Siva (Kreta) geboren und wuchs dort in ärmlichen Verhältnissen auf. Als junger Mann ließ er sich in Athen nieder. 1933 erschien sein Werk Άγιον Όρος: οι Άγιοι Χωρίς Μάσκα, das von der Staatsanwaltschaft verboten wurde. Kornaros wurde bereits während der Metaxas-Diktatur zum ersten Mal verhaftet: Im September 1936 wurde er nach Folegrandros verbannt und später in Akronafplia eingesperrt. Nach dem deutschen Überfall auf Griechenland schloss sich Kornaros dem griechischen Widerstand an. 1944 wurde er von der SS verhaftet, im Hauptquartier der SS in der Merlinstraße „verhört“ und danach im Konzentrationslager Chaidari gefangen gehalten. Sein 1945 erschienenes Buch über die Haftzeit in dieser Folterhölle mit dem Titel Στρατόπεδο του Χαϊδαριού – die deutsche Ausgabe erschien 1964 unter dem Titel Leben auf Widerruf – ist ein bedrückendes Zeitzeugnis.
Mit der Befreiung Griechenlands wurde Kornaros freigelassen, doch bald danach wegen seines 1946 erschienenen Buches „Αγύρτες και κλέφτες στην εξουσία“, das sich gegen den damaligen Metropoliten Ierotheos von Mesolongi richtete, für zwei Jahre inhaftiert. Weitere Verbannungsorte waren Ai Stratis und Makronisos. Kornaros starb in Athen im April 1970.

Die folgende Erzählung „Die Rückkehr“ und das anschließende Interview mit Themos Kornaros stammen aus der Zeitschrift Ελεύθερα γράμματα, Nr. 1, 5. Mai 1945, Seite 9 und Nr. 2, 12. Mai 1945, Seite 3 und 6. Diese Hefte der Zeitschrift sind unter https://lekythos.library.ucy.ac.cy/handle/10797/13990 online zugänglich. Die Übersetzung aus dem Griechischen erfolgte durch Markus List.

Themos Kornaros – Die Rückkehr

Herr L. ist einer von den unsichtbaren Helden unseres nationalen Kampfes. Ich lernte ihn in einer kritischen Stunde kennen. Er hatte seine beiden Söhne am selben Tag verloren. Die Deutschen hatten sie in Charvati aufgehängt. Er selbst befand sich in Chaidari und dachte endlose Stunden nach.
„Wenn es nicht meine gewesen wären, würde ein anderer Vater weinen!“
Er wurde mit den letzten entlassen. Als er dann nach Hause zurückkehrte, waren Spinnen an seiner Tür! Er macht sich gerade dran zu öffnen, da sieht er, dass die Spinne den Türgriff bedeckt und sich dann bis zum Schlüsselloch ausgebreitet hatte …
Er wurde wütend. Ein Zittern befiel ihn. Er ging weg. Erst am nächsten Tag konnten wir zusammen hingehen um aufzumachen.
Als sie ihn vor zehn Monaten gefangen hatten, hatte er seine alte Mutter, seine Frau und eine graue Katze zurückgelassen. Niemand von seiner ganzen Familie wartete auf seine Rückkehr.
Die alte Mutter war gestorben. Von ihrem Tod erfuhr er im Konzentrationslager. Seine Söhne rissen sie ihm aus seinen Armen. Jetzt kommt er zurück, nach zehn Monaten Folter, und es erwartet ihn eine Spinne am Türschloss seines Hauses. Und seine Frau? Sie war drinnen. Die Arme erwartete ihn. Sie saß in einem geflochtenen Sessel nahe am Ofen. Dort hatte die Krise sie wohl erwischt. Und das Ende! Bis er jetzt zurückkehrte, war von seiner friedlichen Familie nichts mehr übriggeblieben außer den Knochen seiner Frau, rings um den Sessel am Ofen herum verteilt …
Und zwischen den Knochen lag zusammengerollt und ebenfalls skelettiert die graue Katze des Hauses …
Er schaute mir in die Augen. Keine einzige Träne war in seinen blauen Augen zu sehen. Er presste nur seine Lippen einen Augenblick zusammen, um einen Schreikrampf zurückzuhalten. Ohne ein Wort zu sagen, nimmt er meinen Arm und bringt mich zum Ausgang. Mit einer Ruhe, die einen erschreckt, zog er die Türe zu. Er schob die Spinne zur Seite und schloss ab. Danach probierte er, nochmal drückend, ob alles in Ordnung war …
„Auf Wiedersehen, mein Freund!“ sagt er zu mir und gibt mir die Hand. „Und vergib mir für das Unheil, das ich dir bereitet habe! ...“
„Komm mit zu meinem Haus“, sage ich zu ihm.
„Unglücklicherweise habe ich ein Haus, in das ich gehen kann. Ich hätte gewünscht, dass mich niemand erwartet hätte. Da wäre alles so einfach gewesen! ...“
Zum ersten Mal seit damals traf ich ihn bei der Nationalen Opferstätte in Kaisariani. Es wurde eine Gedenkfeier abgehalten.
„Wenn wir auch sterben“, sagt er zu mir, „welches Gedenken kann sie dann noch lebendig halten?“
Ich verstand, dass ich es mit einem wahrhaftigen Helden zu tun hatte, der es als seine Pflicht ansah zu leben, für seine neue Familie. Alles war seine Familie geworden, vom unbekannten Märtyrer des Kampfes bis zu den Toten und dem Erdboden seines Vaterlandes.
Wir gingen eine geraume Zeit, ohne zu sprechen. Irgendwann schlug ich ihm vor, ein Glas Wein zu trinken. Er blieb stehen. Als ob er darüber nachdachte. Er klopft mir auf die Schulter, lächelt mich an, ganz ruhig! und sagt zu mir:
„Eine Lüge ist der Wein! Nur dass du lebst, um dich zu erinnern und um zu kämpfen, das ist Wahrheit ...“

Themos Kornaros – Das Drama der Besatzung
Interview mit Themos Kornaros im Mai 1945

Was waren Ihre Gefühle, als Sie den ersten deutschen Soldaten sahen? Wie erschien Ihnen dieses Ungeheuer der Apokalypse, das innerhalb von ungefähr 25 Tagen das gesamte Westeuropa gefressen und verschlungen hatte?

Das war ein junger Mann. Er schlief im Auto, auf dem Fahrersitz ausgestreckt. Er war wohl gerade erst angekommen. Er war genau so staubbedeckt wie das Auto. Seine Beine hingen heraus. Der Speichel lief ihm aus dem Mund. Ich hatte die fixe Idee, dass er in seinen Händen Handschellen hätte, denn er hatte sie nach hinten gepresst und sie waren nicht zu sehen. Mein Freund, mit dem ich unterwegs war und ich sagten gleichzeitig fast dieselben Worte: „Du Armer, dass sie dich hierhergebracht haben!“

Wir wissen, was Sie alles durch die Deutschen erlitten haben, doch wir möchten, dass Sie uns das hier jetzt für unsere Leser erzählen.

Ich bin im Juni 1944 in die Hände der SS geraten. Fünf Tage und Nächte lang haben sie mich in der Merlinstraße eingesperrt. Sie wollten, dass ich ihnen erzähle, wo ich die Waffen hatte, die ich von den Italienern gekauft hatte, damals, als sie ihre Gewehre, ihre Panzerwagen, ihre Fahnen und ihre Ehre zur Versteigerung gebracht haben. Das Verhör war fast ohne Pause, die fünf Tage und Nächte lang. Sie begannen mit dem Aufhängen, mit den Händen hinten nach oben. Zwei bis zweieinhalb Stunden am Tag. Dies in den Morgenstunden. Danach, gegen Mittag, bekamen wir das kochende Wasser. Gegen drei, nach ihrem Essen, kam das Prügeln vorzugsweise mit der Drahtpeitsche. Am Abend setzten sie eine Krone mit fünf Schrauben auf den Kopf. Zwei an den Schläfen, eine an der Stirn, eine oben und eine hinten. Die Schrauben hatten elektrisch geladene Drähte. Sie schlossen sie an den Strom an und sie drehten sich teuflisch. Man hatte das Gefühl, dass der Kopf nichts anderes in sich hätte als Tausende Nadeln, die wie das Blut im Kreis herumliefen und sich in die Nerven bohrten. Nach kurzem vergaß man seinen Namen, und in diesem Elend ließen sie einen in der Zelle zurück zum Schlafen! Einmal zogen sie mich aus. Sie bestrichen mich mit Honig und so führten sie mich splitternackt und mit Honig bestrichen in einen Hof, wo sie zwei Bienenstöcke mit hungrigen Bienen hatten. In einer Viertelstunde hatten sie aus mir einen aufgeschwollenen Sack gemacht. Das Fieber danach kann mit keiner anderen Art Fieber verglichen werden. Du stehst in Flammen. Da gaben sie mir zum ersten Mal – am vierten Tag – Wasser. Ich konnte natürlich weder die Blechdose halten noch meinen Mund öffnen, da gaben sie mir einen Trinkhalm zum Schlürfen. Es war Salzwasser. Ich hörte auf. Sie werfen mich nieder, trampeln auf meinen Wunden herum, öffnen gewaltsam meinen wunden Mund und flößen mir mindestens einen Viertelliter von diesem Salzwasser ein. Ich wurde ohnmächtig und ich erinnere mich an nichts mehr, außer dass sie mich in den Hof von Chaidari gebracht haben, zu Brei gemacht, in einer Decke. Dort blieb ich vier Monate und wartete jeden Morgen wie jeder in Chaidari auf das Würfeln von Charon.

Was war Ihre Reaktion in jener Hölle?

Jede Geisel hatte das Gefühl, dass sie den Kampf auch in Chaidari fortführt. Die Stimmung von allen war kämpferisch. Eine noch nie dagewesene Sache in der Geschichte der Gefängnisse und der Lager. Die Chaidarioten haben oft die Kämpfer draußen benachrichtigt, sie sollten keine Rücksicht auf sie nehmen. Sie sollten sich entsprechend den Erfordernissen des alliierten Kampfes verhalten und nicht daran denken, dass es zu Vergeltungsmaßnahmen gegenüber den Geiseln kommen könnte.

Wie beurteilen Sie den Widerstand unseres Volks gegenüber dem Eroberer?

Der Widerstand begann sich auszubreiten, als die aktiven Kriegsfronten der Alliierten ernsthaft in Gefahr waren. Sein Zweck war: in Griechenland eine neue Front zu schaffen, um die größtmöglichen feindlichen Kräfte zu beschäftigen. Auf diese Art entlasteten wir die Alliierten und gaben ihnen einen wertvollen Zeitgewinn, um sich vorzubereiten. Diesen Sinn hatten die häufigen Streiks, die kämpferischen Kundgebungen und der Partisanenkampf. Das griechische Volk hat den Zweck übertroffen. Es beschäftigte mehr feindliche Armee als z.B. die Front in Libyen beschäftigt hat. Wenn diese Kämpfe historisch eingeordnet werden, ist es sicher, dass es keinen ähnlichen Präzedenzfall gibt.

Was hat bei Ihnen den tiefsten Eindruck hinterlassen vom Verbrecherischen des Nationalsozialismus in unserem Vaterland?

Die kaltblütige Anwendung der Theorie von Fichte über die Art und Weise, mit der lebendige Völker massenhaft ausgeschaltet werden. Eine von diesen Arten ist der Hunger. Ihre Anwendung auf das griechische Volk 1944 war geplant, in allen Einzelheiten organisiert, mit einer Wissenschaftlichkeit, die Grauen hervorruft.

Halten Sie das ganze deutsche Volk für die Schandtaten der Besatzung verantwortlich oder nur seine Führer?

Der Krieg gegen den Faschismus ist noch nicht zu Ende. Tausende werden noch an den faschistischen Fronten getötet. Die richtige Einordnung des Themas ist noch nicht zweckmäßig. Es ist nicht erlaubt im Krieg, auf irgendwelche Art die Kampffähigkeit der Massen zu schwächen. Ich glaube an die Erziehung.

Was waren Ihrer Meinung nach die Pläne der Deutschen für unsere gebildeten Leute?

Sie zu Trägern der Panik und des Defätismus zu machen, damit sie mit ihrem Geschick die Volksmassen beeinflussen und die Festung des nationalen Widerstands brechen.

Was, glauben Sie, wäre der Platz des Intellekts in unserem Land gewesen, wenn die Besatzung noch einige Jahre gedauert hätte?

Das hängt davon ab, ob der nationale Widerstand weitergegangen wäre oder ob sie es geschafft hätten, ihn zu brechen. Die intellektuellen Menschen – außer ein, zwei Schurken unter den Intellektuellen – folgten dem heroischen Kurs der Nation. Selbst wenn die Sklaverei Jahrhunderte angehalten hätte, glaube ich, hätte auch der Widerstand auf allen Gebieten Jahrhunderte angehalten.

Was, glauben Sie, wird in unserer nächsten geistigen Zukunft der Widerhall der vierjährigen Besatzung sein?

Der Sieg und die Kämpfe, die er erfordert hat, haben uns viel Verstand gebracht. Sie haben uns gezwungen, unsere Verantwortung und Pflichten zu spüren. Der intellektuelle Bereich ist ebenfalls ein Bereich der gesamten Front für den Wiederaufbau. Und der Wiederaufbau lässt keine Kraft außen vor, genau wie der Kampf des nationalen Widerstands. Ich glaube an einen allgemeinen Aufbruch, der noch für mehr Überraschung als diese Kämpfe der Sklaverei sorgen wird.