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Dimitris Glinos - Briefe von der Verbannungsinsel Thira (Santorin)

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2022-12-22 2022-12-22 22.12.2022
Dimitris Glinos 0002
Dimitris Glinos

In Griechenland wurden in Zeiten von Bürgerkriegen oder politischer Unterdrückung oft Inseln als Verbannungsorte verwendet. Die Verbannung als polizeiliche Maßnahme gibt es seit der Zeit von König Otto von Griechenland. Verbannungen gab es auch während der Zeit der schweren inneren Zerwürfnisse 1914-1918. In größerem Ausmaß wurden Verbannungen vorgenommen nach der Annahme des Gesetzes 4229/1929 „Über die Maßnahmen zur Sicherung der gesellschaftlichen Ordnung und des Schutzes der Freiheit der Bürger“, das die Regierung von Eleftherios Venizelos 1929 erlassen hatte. Das Ziel dieses Gesetzes war die Kriminalisierung umstürzlerischer Ideen, die Strafverfolgung von Kommunisten und Anarchisten und die Unterdrückung gewerkschaftlicher Mobilisierung. Mit diesem Gesetz wurde die Verbannung durch Gerichtsbeschluss eingeführt und immer mehr Inseln wurden zu Verbannungsorten. Während der Metaxas-Diktatur erhöhte sich die Zahl der aus politischen Gründen Verbannten stark; es soll in dieser Zeit mehr als 5.000 Verbannte gegeben haben. Noch viel größer war ihre Zahl in der Zeit des griechischen Bürgerkriegs (1946-1949), wo weitere und größere Verbannungslager eingerichtet wurden. Die Maßnahme der Verbannung aus politischen Gründen blieb auch in den ersten Jahren nach dem Bürgerkrieg bestehen, wurde aber bis 1967 in abgeschwächter Form eingesetzt. Während der Obristendiktatur (1967-1974) wurde die Maßnahme der Verbannung wieder in großem Ausmaß angewendet und erst mit dem Ende der Diktatur 1974 endgültig abgeschafft.

Dimitris Glinos (griechisch Δημήτρης Γληνός, geboren am 2. September 1882 in Smyrna, gestorben am 26. Dezember 1943 in Athen) war Pädagoge, Publizist, Philosoph und Politiker. Bei den Januar-Wahlen 1936 zog er als Abgeordneter der Kommunistischen Partei Griechenlands in das griechische Parlament ein. Während der Metaxas-Diktatur wurde er auf die Insel Anafi, danach nach Akronafplia und Santorin verbannt. Von 1939 an stand er wegen seiner angeschlagenen Gesundheit in Athen unter Hausarrest.

Sein jüngerer Bruder Giorgos Glinos (griechisch Γιώργος Γληνός, geboren 1895 in Smyrna, gestorben am 5. Januar 1966) wurde in Griechenland als Theaterschauspieler und Kinodarsteller bekannt.

Die hier abgedruckten Briefe von Dimitris Glinos an seinen Bruder Giorgos aus den Jahren 1937 und 1938 wurden erstmals abgedruckt in der Zeitschrift Νέα Ζωή, T. 3, Mai 1945, S. 93-94. Die Übersetzung ins Deutsche besorgte Markus List.

Pyrgos, Thira, 31. Dezember 1937

Mein lieber Bruder Giorgos,
im Hafen von Thira kamen wir am Sonntagabend um 8 Uhr an. Wir hatten Windstille, aber die Reise war für mich sehr anstrengend. Am Montagvormittag kam ich in den Ort meines Aufenthalts, das Dorf Pyrgos, es liegt von Fira, der Hauptstadt, eine Stunde mit dem Reittier entfernt. Es hat eine schöne Lage, oben auf dem Kamm des Berges und bietet eine Sicht sowohl auf die östliche als auch auf die westliche Ägäis. Es hat etwa 400 Einwohner, ich habe ein gutes Haus mit drei möblierten Zimmern in schöner Lage gefunden, sehr geeignet für die Einsamkeit, die ich verbringen muss. Seit meinem Ankunftstag ist das Wetter regnerisch, und jetzt, wo ich dir schreibe, hagelt es. Doch hier ist der Regen ein großer Segen, denn fließendes Wasser oder Quellen gibt es überhaupt nicht und sie schlagen sich nur mit Zisternen durchs Leben. Die letzten Jahre litten sie sehr unter Regenmangel. Was Lebensmittel angeht, komme ich ganz gut zurecht. Es kommt eine Frau und kümmert sich um mich. Ansonsten lebe ich vollkommen allein. Bei dieser Gelegenheit möchte ich dir auch sagen, dass du meine Meinung den Zuständigen gegenüber zum Ausdruck bringst, dass es nicht notwendig ist, dass meine Überführung von derart strengen Anweisungen begleitet ist. Ich muss hier in vollständiger Isolation und Abgeschiedenheit leben. Es ist mir jeder Umgang mit den Bewohnern verboten, kein Besuch darf bei mir stattfinden, sei es von Einheimischen, sei es aus Athen, ohne gesonderte schriftliche Erlaubnis des Ministeriums für Öffentliche Sicherheit. Selbst du und alle meine engen Verwandten benötigen eine solche Erlaubnis. Nach solchen Anweisungen wagt es natürlich fast kein Mensch, mir Guten Morgen zu sagen. Die Auslegung, die diesen strengen Anweisungen von den ausführenden Organen gegeben wird, macht sie noch bedrückender.
Ich glaube bestimmt niemals, dass es in der Absicht des Herrn Ministers und des Herrn Ministerpräsidenten lag, dass sie mich in der Transportabteilung von Piräus mit denselben Handschellen mit einem Viehdieb zusammenschlossen und dass sie mich auf dem Dampfer viele Stunden lang an ihn gefesselt hielten. Genau so wenig natürlich, dass sie mich nötigten, im Monat Dezember auf Deck zu reisen und dort neben dem Platz, an dem du mich verlassen hast, zu pinkeln, weil sie den Gang zum Pissoir selbst mit doppelter Begleitung verboten, noch dass sie mir eine Übernachtung untersagten, erschöpft wie ich von der Reise war, eine Nacht, die ich schlaflos auf jenem Stuhl im Hotel in Fira zubrachte, und dass sie mich auf der Polizeiwache festhielten usw. usw. …
Ich verlange nichts als menschliche Lebensbedingungen in meiner Verbannung. Ich bin sehr erschöpft. Heute habe ich Fieber und gestern hatte ich einen schweren Herzanfall. Ich glaube aber, dass ich mich nach kurzer Zeit erhole. Der Aufenthalt hier ist schön, der Ort sehr ruhig.

17. Februar 1938

… Der Winter war schwer und hat mir zugesetzt. Gestern und vorgestern waren schöne Tage und ich bin etwas spazieren gegangen. Mein Leben hier ist sehr eintönig. Ich beschäftige mich mit wissenschaftlicher Arbeit, so lange ich kann, aber im Grunde bringt diese vollständige Abgeschiedenheit natürlich eine gewisse psychische Belastung mit sich. So lange es mir gut geht, ist der Zustand jedenfalls erträglich, denn ich versuche natürlich, der Melancholie und der neurasthenischen Stimmung, die mich mit der Dauer der Abgeschiedenheit befallen könnte, entgegenzuwirken. Aber ich denke darüber nach, was wäre, wenn ich krank werde und vor allem, wenn mir etwas in der Nacht passiert, ich könnte sterben, ohne dass es jemand mitkriegt, denn es gibt kein Mittel, einen Arzt zu rufen, damit er mir wenigstens eine Spritze gibt.
Ich versuche, nicht an alles das zu denken, nur damit die Zeit vergeht. In dieser Situation kann eine partielle Besserung nicht eintreten. Die zuständigen Organe, die die Verantwortung fürchten, die ihnen auferlegt ist, wenden die Anweisungen, die sie haben, mit absoluter Strenge und mit der engsten Auslegung an. Nicht einmal kleinen Kindern von 6-7 Jahren ist es erlaubt, sich mir zu nähern. Natürlich werden dieselben Maßnahmen auf andere Verbannte mit anderer politischer Färbung nicht angewendet.

Donnerstag, 10. März 1938

… Seit Montag ist sehr schönes Frühlingswetter, strahlende Sonne und blauer Himmel.
Das ist sehr im Einklang mit unserem Wesen und entlastet uns, in welcher Situation wir uns auch befinden. Ich warte ruhig auf das Ergebnis deiner Bemühungen um die Reise ins Ausland. Und wenn jetzt der Augenblick nicht geeignet ist, werden wir unsere Bemühungen später wiederholen. Die Beeinträchtigung durch das Verbot des Umgangs ist ziemlich groß. Denn es schafft eine ziemlich komische Lage für einen Menschen, der sich unter seinesgleichen bewegt, und alle bewegen nur von der Ferne den Kopf zu einem ängstlichen Gruß.
Gestern am 9. März endete meine Verbannung und mir wurde ein neuer Beschluss der Kommission für Öffentliche Sicherheit in Athen für ein weiteres Jahr bekanntgegeben.
In der Zwischenzeit stelle ich philosophische Untersuchungen an und verfolge das intellektuelle Leben unseres Landes. Für Bücher habe ich nicht genug Geld. Deshalb möchte ich dich bitten, dass du, wenn du Schriftsteller triffst, sie in meinem Namen darum bittest, mir ihre Werke zuzuschicken. Ich würde auch gern mit einem Buchhändler eine Übereinkunft schließen, dass ich auf Kredit Bücher kaufe, vor allem ausländische, die ich für meine Forschungen benötige. …
Ich danke dir, mein lieber Giorgos, für alle deine Bemühungen für mich, die einem tiefen und wirklichen brüderlichen Gefühl – leider eine seltene Sache – entspringen und ich bitte dich um Verzeihung für alle Sorgen, die ich dir verursache. Ich versichere dir, deine Liebe war mir eine wertvolle Stütze in sehr kritischen und traurigen Momenten meines Lebens.
Ich küsse dich zärtlich, dein Bruder Dimitris.

21. April 1938

Hier haben wir noch winterliches Wetter, sehr heftigen Wind und Regen. Doch bald wird es sich beruhigen und der Wind riecht nach den neuen Säften der Erde. Hier bei unserer Insel kommen jetzt fast jeden Tag große Ozeandampfer mit Reisenden vorbei. Der Vulkan ist sehenswert und die ganze Insel malerisch, auf der einen Seite wild und schroff rings um den riesigen Krater herum und auf der anderen Seite ganz grün und idyllisch. Von den Reisenden wohnen die meisten in der Hauptstadt Fira. Sie kommen auf Eseln den steilen Treppenweg hoch, der sie in die Ortschaft 300 Meter über dem Meer führt. Nur wenige kommen bis hierher (mit dem Reittier eine Stunde von der Hauptstadt). Hier führt auch der Weg zu den Ruinen der antiken Stadt vorbei, von denen es viele gibt. Ich habe sie noch nicht besucht.
Ich habe über den „Prinz von Homburg“ und die Kritik in den „Neoelliniká Grámmata“ gelesen, die sehr lobend über dich war, sowie die Kritik von Alkis Thrýlos in der „Néa Estía“. Wird sich nicht jemand finden, der sie durchschüttelt? Es tut mir sehr leid, dass ich früher jahrelang versucht habe, sie zu bilden und nicht rechtzeitig gemerkt habe, dass sie an unverbesserlichem geistigem Snobismus leidet.

4. Mai 1938

… Das Wetter hat sich in diesen letzten Tagen wirklich verbessert und die Insel beginnt schön zu werden. Es grünen jetzt die Weinfelder und die Felder mit den Tomaten, die bis auf die Anhöhen der Hügel hinauf ausgesät sind, und der Frühling ist überaus grün und angenehm. Bäume gibt es überhaupt keine und Blumen nur wenige. Diese Insel hat ein sehr ruhiges und idyllisches Aussehen auf seiner östlichen Seite, die Abhänge und das ebene Land sind voller Erde und der Boden ist sehr fruchtbar. Da dieses Jahr viel Regen gefallen ist, gedeihen alle Erzeugnisse gut und die Einwohner, sehr ruhige und zivilisierte Menschen, scheinen sehr zufrieden zu sein. Ich danke dir sehr nachdrücklich für die Bücher, die du mir geschickt hast. Ich bitte dich, dass du meinen Dank an ihre Verfasser übermittelst. Besonders ausnehmend hat mir das Buch von Herrn Triantafyllídis gefallen, ein wahrhaftiges Denkmal unserer Sprachgeschichte. Bitte richte ihm meinen inständigen Dank und meine Glückwünsche für sein Werk aus.
Ich habe, mein Bruder, mit großer Aufmerksamkeit deine Empfehlungen gelesen und danke dir von Herzen dafür. Ich kenne gut die Gefühle wirklicher Liebe, die du für mich empfindest, und schätze auch deine Bereitschaft, mir zu helfen so sehr du kannst, um meine traurige Lage zu erleichtern. Mein Gesundheitszustand, lieber Giorgos – wie ich in diesem Winter festgestellt habe – erlaubt mir nicht, glaube ich, weite Reisen zu unternehmen oder den Winter in nördlicherem Klima zu verbringen. Deshalb bitte ich dich sehr, dass du deine Bemühungen für meine Ausreise ins Ausland nicht fortsetzt.
Die Maßnahmen für meine Überwachung sind viel strenger geworden.
Ich beschäftige mich nur mit wissenschaftlichen Forschungen.
Mein bisheriges Leben hat gezeigt, dass ich immer ehrlich und gerade gewesen bin und mein Denken nie verborgen habe, selbst dann, wenn meine Aufrichtigkeit für meine persönlichen Interessen eine Katastrophe war. Immer habe ich mit Geradheit die Verantwortung für meine Handlungen übernommen. Ich verlange nicht, dass sie mich freilassen. Ich beschwere mich auch nicht, dass ich in Verbannung bin. Wenn ich vorhätte, das Volk auf einen Irrweg zu führen, ist es gerecht und richtig, dass ich am Rand des griechischen Lebens bleibe; denn ich war nicht irgendein ungebildeter Mensch und auch kein leichtfertiger junger Mann. Ich war einer von jenen, die die höchste philosophische und soziologische Bildung in unserem Land hatten. Ich akzeptiere also, dass ich mein ganzes Leben lang verbannt bin, aber unter Bedingungen für ein menschenwürdiges Leben.

19. August 1938

Dein letzter Brief, den ich erhalten habe, war von Thessaloniki. Ich hatte dir zwei Briefe dorthin geschickt. Ich habe abgewartet, bis du nach Athen zurückkommst, um dir wieder zu schreiben. Werdet ihr jetzt im Sommer noch woandershin auf Tournee gehen?
Wie ich in den Zeitungen gelesen habe, beschäftigst du dich jetzt mit den Proben für die Theaterstücke im Winter. Also werdet ihr euch bei dieser furchtbaren Hitze in Athen überhaupt nicht ausruhen? Hier gab es wenige Tage, die einigermaßen heiß waren, aber es bläst immer irgendein frisches Lüftchen aus irgendeiner Ecke auf dem Meer und die Nächte sind immer sehr frisch. Hättest du wenn auch nur vierzehn Tage Urlaub, du hättest eine schöne Zeit hier.
In deinem letzten Brief hast du mir von den Schwierigkeiten berichtet, die dir auf deinem Weg begegnen, und von den Enttäuschungen, die dir die Böswilligkeit der Menschen bereiten. Das alles verstehe ich sehr gut. Das Leben ist ein harter und unaufhörlicher Kampf, vor allem für jene, die einen Wert in ihrem Werk haben. Sie werden mitten durch die Dornen gehen und werden zerrissen. Manchmal häufen auch die äußeren Umstände noch mehr Schwierigkeiten auf und das passiert vielleicht auch bei dir, und der Widerstand gegen dich findet vielleicht auch Nahrung in meiner Existenz. Habe aber Mut und Geduld und verliere nicht dein Selbstvertrauen. Erfülle deine Pflicht mit absoluter Gewissenhaftigkeit und du wirst dich am Ende durchsetzen. Unser unbeugsamer Charakter hat uns viele Schwierigkeiten in unserem Leben bereitet. Die Selbstachtung gibt uns aber eine größere Befriedigung als die konventionellen äußerlichen Erfolge, die wir einer Schwächung unseres inneren Menschen schulden würden.
Ich küsse dich zärtlich, dein Bruder Dimitris.