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ATHEN - Hephaistos Tempel (Theseion)

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2023-01-16 2023-01-16 16.01.2023
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Hephaistos Tempel

Wenn man sich mit dem Gott Hephaistos beschäftigt, kann man darüber staunen, dass ausgerechnet die antiken Griechen, denen die Schönheit doch so viel bedeutete, einen Gott verehrten, der als klein, hässlich und lahm beschrieben wurde.

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Ein Mythos erzählt, dass seine Mutter Hera ihn wegen dieser körperlichen Unzulänglichkeit vom Olymp herabgeworfen haben soll. Hephaistos wurde jedoch von der Meeresgöttin Thetis und der Okeanidin Eurynome gerettet und ohne das Wissen der anderen Götter in einer Meereshöhle versorgt und aufgezogen. Als er erwachsen war, soll Hephaistos sich an seiner Mutter gerächt haben, indem er ihr einen ganz besonderen goldenen Thron schmiedete und schenkte. Als sich Hera darauf setzte, wurde sie gefesselt und konnte von niemand befreit werden außer von Hephaistos. Dieser weigerte sich jedoch, in den Olymp zurückzukehren. Daher griff Dionysos zu einer List: er gab Hephaistos Wein zu trinken bis dieser so berauscht war, dass Dionysos ihn auf einen Esel binden und in den Olymp zurückführen konnte. Um Hephaistos zu versöhnen, wurde ihm Aphrodite, die Göttin der Schönheit, zur Frau gegeben. Laut Homer nahm Aphrodite es mit der ehelichen Treue nicht so genau und betrog ihren Gatten mit dem Kriegsgott Ares. Darauf schmiedete der gedemütigte Hephaistos ein unzerreißbares unsichtbares Netz, das sich über die beiden legte, während sie sich im Bett vergnügten. Als er die anderen Götter dazu rief, um den Ehebruch zu bezeugen, wurde der gehörnte Ehemann zu allem Überfluss auch noch ausgelacht.

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Hephaistos Tempel

Eine weitere Besonderheit des Hephaistos ist der Umstand, dass er der einzige der griechischen Götter ist, der als Schmied ein Handwerk ausübt. Vielleicht gibt es hier einen Bezug zu der wichtigen Epoche der Bronzezeit, als die Menschen lernten, eine Legierung aus Metall herzustellen und sich dadurch unermesslich viele neue Möglichkeiten auftaten, Metall zu bearbeiten? Da scheint es nachvollziehbar, dass die Menschen hier etwas Göttliches am Werk sahen.

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Die Liste der Werke des Hephaistos ist lang. Dabei fällt auf, dass viele Attribute der anderen olympischen Götter aus der Schmiedewerkstatt des Hephaistos stammen: das Zepter und der Donnerkeil des Zeus, die Aigis (Brustpanzer) der Athena, der Bogen der Artemis, Pfeile für Apollon und Artemis, der Dreizack des Poseidon und der Zweizack des Hades. Auch der Wagen des Helios, die Gestalt der Pandora und die Kette, mit der Prometheus an den kaukasischen Felsen gefesselt wurde, sind Arbeiten des göttlichen Kunstschmieds.

Deshalb sollte man die Bedeutung des Hephaistos trotz all der anekdotenhaften Mythen nicht unterschätzen. Schließlich trug er durch seine Werke viel dazu bei, den anderen Göttern unverwechselbare Merkmale zu verleihen.

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Hephaistos Tempel

Auch in Zusammenhang mit dem Tempel dieses eigenartigen Gottes kann man auf merkwürdige Dinge stoßen. Erstaunlich ist es beispielsweise, dass die Beschreibung des Hephaistos-Tempels in einigen renommierten Kunstreiseführern für Athen nur wenige Zeilen umfasst, obwohl es sich hier um den am besten erhaltenen Tempel auf griechischem Boden handelt. Es ist sogar der einzige bisher bekannte Ort überhaupt, an dem Hephaistos mit einem so prunkvollen Bau geehrt wurde.

Und damit nicht genug: wenn man einen Athener danach fragt, wo der Tempel des Hephaistos liegt, kann es passieren, dass man nur einen verständnislosen Blick als Antwort bekommt. Denn in Athen kennen viele diesen auf einem Hügel am Westrand der antiken Agora liegenden Tempel nur als „Theseion“. Sogar die nahegelegene Metro-Station trägt diese Bezeichnung.

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Hephaistos Tempel

Ein Irrtum, der sich schon seit der byzantinischen Zeit gehalten hat. Damals vermutete man nämlich, dass hier der legendäre Held Theseus begraben sei, da dieser im plastischen Schmuck des Tempels eine große Rolle spielte. Anhand der noch vorhandenen Bauinschriften konnte man den Tempel jedoch Hephaistos zuordnen, dem Gott der Kunstschmiede und des Feuers. Für diese Deutung spricht auch die Tatsache, dass sich in der Antike hier in der unmittelbaren Umgebung die Werkstätten der Schmiede und Bronzegießer befanden. Somit hatte der große antike Griechenlandreisende Pausanias recht, als er im 2. Jh. n. Chr. dieses Bauwerk „Hephaisteion“ nannte.

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Hephaistos Tempel

Mit der Errichtung des dorischen Ringhallentempels (Peripteros) wurde um 449 v. Chr. begonnen, also fast zeitgleich mit dem Bau des Parthenon auf der Akropolis (um 447 v. Chr.). Anders als beim Parthenon, der ja in sensationell kurzer Zeit errichtet wurde, zog sich der Bau des Hephaisteion jedoch über beinahe zwei Jahrzehnte hin. Während des Bauvorgangs scheint es zu mehreren Planänderungen gekommen zu sein. Der Aufriss wurde aus exakt der gleichen Grundproportion (4:9) entwickelt wie beim Parthenon. Allerdings ist der Hephaistos-Tempel mit seinen 13,71 m Breite und 31,78 m Länge viel kleiner als der Parthenon. Abgesehen von der untersten Stufe des Unterbaus, die aus Kalkstein besteht, wurde die sichtbare Architektur aus parischem und aus dem pentelischen Marmor des nahegelegenen Penteliberges gearbeitet.

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Hephaistos Tempel

Die 6 x 13 Säulen sind noch komplett erhalten, selbst das Dach und die Kassettendecke der Ringhallen-Umgänge blieben weitgehend von Zerstörungen verschont. Das Hephaisteion wurde – wie andere antike griechische Tempel auch – mit einer sogenannten Kurvatur erbaut. Diese leichte Krümmung aller Bauglieder, die zur Mitte hin stärker wird, ist ein wesentlicher Grund für die einzigartige Lebendigkeit der antiken griechischen Tempel, eine absolut geniale Erfindung der damaligen Baumeister. Die zur Agora liegende Ostfront des Tempels, also die „Schauseite“, und die ersten Joche der Langseiten waren reich geschmückt mit skulptierten Metopen. Die Metopen an der Ostfront stellten Szenen aus dem Herakles-Mythos dar. Die skulptierten Metopen an den Langseiten waren dem Sagenkreis um den mythischen attischen König Theseus gewidmet. Die Giebeldreiecke an den Fronten waren mit Figuren aus parischem Marmor geschmückt. Reste dieser Giebelfiguren wurden im 20. Jh. bei Nachgrabungen gefunden. Im Ostgiebel wurde der Kampf der Lapithen gegen die Kentauren dargestellt, eine mythische Schlacht, bei der Theseus eine wichtige Rolle spielte. der Westgiebel zeigte andere mythische Kämpfe.

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Hephaistos Tempel

Das antike Innere des Tempels wurde allerdings stark verändert, als er in byzantinischer Zeit in eine Kirche zu Ehren des Hl. Georg umgewidmet wurde. Dabei wurde der Eingang auf die Westseite verlagert und an der Ostseite eine Apsis eingebaut. Ebenfalls aus dieser Zeit stammen die Eindeckung des inneren Gewölbes und das Tonnengewölbe über der Cella. Diese Eingriffe in die ursprüngliche Bausubstanz mögen einerseits bedauerlich sein, andererseits hat die jahrhundertelange Nutzung als Kirche sicher zum ansonsten guten Erhaltungszustand des Tempels beigetragen.

Die schöne Begrünung rund um den Tempel ist übrigens keine neuzeitliche Erfindung: bereits ab dem 3. Jh. v. Chr. wurde rund um den Hephaistos-Tempel ein Garten angelegt, der von einer niedrigen Mauer umschlossen war. Die Sträucher, die den Tempel auch heute wieder umgeben, wurden in die von damals erhaltenen Pflanzlöcher eingesetzt.

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Hephaistos Tempel

Neben Hephaistos wurde im Hephaisteion auch Athena Ergane als Beschützerin des Handwerks verehrt. Die vermutlich von dem Phidias-Schüler Alkamenes geschaffenen bronzenen Statuen der beiden Götter wurden etwa um 420 v. Chr. nebeneinander in der Cella aufgestellt. Wenn man sich fragt, was diese beiden doch sehr ungleichen Götter verbindet, stößt man auf interessante Zusammenhänge. Da erzählt die Mythologie zum einen, wie Hephaistos die Geburt der Athene bewirkte, indem er mit einem Axthieb den Schädel des Göttervaters Zeus spaltete. Athene soll dann in voller Rüstung dem Haupte ihres Vaters entsprungen sein. Nach einem anderen Mythos wollte sich Hephaistos mit Athene vereinen. Als sie ihm das verwehrte, habe Athene seinen auf ihren Schenkel geflossenen Samen abgewischt. Daraus entstand der mythische König Erechtheus, der als Stammvater der erdgeborenen Athener galt.

Zu den anfangs erwähnten Merkwürdigkeiten zählt auch die Tatsache, dass der Hephaistos-Tempel relativ wenig besucht wird, obwohl der Tempel des Hephaistos der besterhaltene Tempel auf griechischem Boden ist. Während das nahegelegene Parthenon auf der Akropolis von Zigtausenden besichtigt wird, „verirren“ sich nur recht wenige hierher, trotz der zentralen Lage am Rand der antiken Agora.

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Hephaistos Tempel

Die beste mögliche Erklärung für diese Frage hat meiner Meinung nach Gottfried Gruben formuliert, der hinweist auf den großen formalen und inneren Rangunterschied zwischen den beiden Bauwerken. Das Hephaisteion entspricht seiner Meinung nach der normalen Entwicklung der attischen Architektur, während auf der Parthenon-Bauhütte auf der Akropolis ein einzigartiger Geist herrschte, der herausragende Persönlichkeiten wie Phidias und Iktinos beseelte. (Gottfried Gruben: „“Die Tempel der Griechen“, Hirmer- Verlag)

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Hephaistos Tempel

Unter diesem Aspekt lohnt es sich meiner Meinung nach jedoch umso mehr, den Hephaistos-Tempel zu besuchen und den Parthenon vielleicht erst danach zu besichtigen. So kann man beide Bauwerke auf sich wirken lassen und bekommt vielleicht ein noch tieferes Gefühl dafür, welch einer einzigartigen Sternstunde in der Kultur- und Architekturgeschichte wir den Parthenon zu verdanken haben. Wo und wie sonst hätte man eine so einzigartige Möglichkeit?